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Pull- oder Push-Marketing? Warum fast alle Kanzleien den gleichen Fehler machen

Wer heute eine Kanzlei führt und wachsen will, kommt am Thema Marketing nicht vorbei. Das Problem ist nicht fehlendes Interesse – das Problem ist, dass da draußen ein Markt von Halbwissen, fragwürdigen Angeboten und vermeintlichen Wundermethoden existiert, der echte Orientierung schwer macht. Als Anwalt habe ich gelernt, Schriftsätze zu analysieren, Argumente zu zergliedern und Schwachstellen zu finden. Aber beim eigenen Kanzleiwachstum? Da vertrauen die meisten blind.

Genau darum geht es in dieser Folge des Kanzleikompass – und darum geht es in diesem Artikel. Ich möchte dir ein Konzept an die Hand geben, mit dem du Marketingangebote selbst einordnen kannst. Zwei Begriffe reichen dafür aus: Pull-Marketing und Push-Marketing.

Was bedeutet Pull-Marketing?

Pull-Marketing beschreibt eine Situation, in der ein potenzieller Mandant bereits weiß, dass er ein Problem hat. Er sucht aktiv nach einer Lösung – er zieht sich Informationen, daher der Begriff „Pull“. Er googelt, er fragt ChatGPT, er schaut in Google Maps, er geht auf Perplexity. Sein Brief von der Staatsanwaltschaft ist bereits angekommen. Die Kündigung liegt auf dem Tisch. Die Scheidung ist beschlossen.

In diesem Moment braucht er keinen Werbespot, der ihm erklärt, dass er vielleicht mal rechtliche Beratung brauchen könnte. Er braucht genau das jetzt – und er sucht gerade. Die Frage ist nur, ob er dich findet oder deinen Mitbewerber.

Was bedeutet Push-Marketing?

Push-Marketing funktioniert anders: Hier versucht man, zunächst überhaupt erst ein Problembewusstsein zu erzeugen. Man bespielt Menschen auf Social Media, unterbricht sie beim Scrollen durch den Feed und hofft, dass die Botschaft im richtigen Moment bei der richtigen Person landet – und dass sie sich, wenn das Problem dann irgendwann auftritt, noch an dich erinnern.

Das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber es ist aufwendig, teuer und für den Einstieg in rechtliche Dienstleistungen schlicht das falsche Werkzeug für die meisten Kanzleien.

Warum Kanzleien fast immer Pull-Themen sind

Stell dir vor, du hast gerade eine Kündigung erhalten. Du bist aufgewühlt, du weißt nicht, was als nächstes kommt, und du willst Klarheit. Was machst du? Du googelst. Du fragst ChatGPT. Du suchst nach „Anwalt Arbeitsrecht Berlin“ oder nach „Was tun bei Kündigung“. Du bist in diesem Moment der heißeste Lead, den ein Anwalt haben kann – weil du selbst aktiv bist, weil du eine Lösung willst und weil du bereit bist, dafür zu bezahlen.

Genau das ist der Kern des Arguments: Bei Kanzleien erledigt das auslösende Ereignis – die Kündigung, der Unfall, die Abmahnung, die Scheidung – das Problembewusstsein. Ihr müsst niemanden erst aufwärmen. Ihr müsst nur noch da sein, wenn jemand sucht.

Das macht das Marketing für Kanzleien strukturell einfacher als für viele andere Branchen. Und es bedeutet, dass ihr euren Fokus klar setzen könnt.

Die Pull-Kanäle, die wirklich funktionieren

Google Ads ist der schnellste Weg zu planbaren Anfragen. Wer eine gut aufgesetzte Kampagne hat, kann innerhalb weniger Tage erste Ergebnisse sehen. Das Prinzip ist einfach: Du bietest auf Keywords, die deine Zielgruppe in genau dem Moment eingibt, in dem sie einen Anwalt sucht. Wer es richtig macht, weiß genau: Ich investiere X Euro – und bekomme Y Anfragen, die Z Umsatz bringen.

Ein Warnsignal, das ihr kennen solltet: Wenn ihr eine Google Ads Kampagne laufen habt, aber nicht genau sagen könnt, wie viel Umsatz ihr pro investiertem Euro zurückbekommt, dann funktioniert die Kampagne nicht richtig. Oder sie wird nicht richtig betreut. Das ist kein Vorwurf, das ist ein Orientierungspunkt.

Suchmaschinenoptimierung (SEO) ist der nachhaltigere Kanal. Wer organisch auf den ersten Plätzen bei Google rankt, zahlt nichts pro Klick. Der Nachteil: Es dauert länger. Der Vorteil: Langfristig ist es einer der profitabelsten Kanäle überhaupt. Wichtig dabei ist, dass veröffentlichte Inhalte echten Mehrwert bieten – nicht für juristische Kollegen geschrieben, sondern für Menschen in einer konkreten Problemsituation. Google bewertet juristische Dienstleistungen besonders kritisch, weil sie für das alltägliche Leben der Suchenden relevant sind. KI-generierter Massen-Content ohne redaktionelle Prüfung durch jemanden mit juristischem Sachverstand wird hier keine guten Ergebnisse liefern.

Local SEO und Google My Business sind der unterschätzte Hebel für regional tätige Kanzleien. Wer auf der Karte weit oben erscheint, profitiert von Menschen, die konkret nach einem Anwalt in ihrer Stadt suchen. Die Faktoren, die dabei zählen: die Frequenz und Qualität von Bewertungen, wie regelmäßig der Eintrag aktualisiert wird und wie gut die Website organisch rankt. Diese Faktoren hängen zusammen.

KI-Suchmaschinen wie ChatGPT, Perplexity oder Claude sind kein Zukunftsthema mehr – sie sind Gegenwart. Und sie greifen auf dieselben Signale zurück wie Google: Wer organisch gut rankt, wer viele hochwertige Bewertungen hat, wer als relevante Quelle gilt, wird auch dort sichtbar sein. Wer bei Google unsichtbar ist, wird in diesen Kanälen nicht empfohlen.

Wann macht Social Media für Kanzleien Sinn?

Social Media ist kein Akquise-Kanal für Kanzleien – zumindest nicht als erste Priorität. Es ist ein Vertrauenskanal. Ein potenzieller Mandant kommt über Google auf deine Website, liest sich durch, und klickt dann vielleicht noch auf den Instagram-Link. Was er dort sieht, kann sein Bild von dir positiv verstärken – oder negativ.

Der letzte Post von vor drei Jahren mit dem Teamausflug zum Eis essen ist ein Signal. Und kein gutes. Ein aktueller, professioneller Beitrag zu einem arbeitsrechtlichen Thema hingegen setzt einen mentalen Checkmark: Der hat sein Ding im Griff.

Personal Brands auf Social Media, die tatsächlich Anfragen generieren, sind keine Gegenbeispiele – sie sind Ausnahmen, die auf jahrelanger, konsequenter Arbeit basieren. Christian Solmecke hat über zehn Jahre seinen YouTube-Kanal aufgebaut. Wer das morgen anfangen will, wird in zwölf Monaten nicht denselben Stand haben.

Was das für deine Kanzlei bedeutet

Die einfache Formel lautet: Erst die Pull-Kanäle zum Laufen bringen – planbar, konstant, messbar. Dann, wenn diese Basis steht, kann man über Social Media, Content-Marketing und weitere Kanäle nachdenken. Nicht umgekehrt.

Wenn du heute Hunderte oder Tausende Euro im Monat für etwas ausgibst, das dir keine planbaren Mandate bringt, dann sollte das ein Trigger sein. Nicht um alles abzureißen, sondern um zu fragen: Was ist gerade der größte Hebel? Wo brenne ich Geld? Und was bringt mir zuverlässig und messbar Umsatz zurück?

Das sind die Fragen, mit denen wir täglich in der Beratung arbeiten. Wenn du sie dir jetzt auch stellst, ist diese Folge ihr Ziel bereits erreicht.